| Der Baum und das Bäumchen. Stand ein alter,
knorriger Baum ganz allein, und zu seinen Füßen strebte
ein junger Baum zum Licht empor, ein Bäumchen.
Sprach der junge Baum zum alten Baum: „Sage mir, wie
ist es, wenn man alt wird?"
Entgegnete der alte Baum: „Das kann dir niemand
sagen. Werde alt, und du wirst es wissen."
„Aber du weißt doch, wie du alt wurdest",
drängte der junge Baum.
„Zuerst", erwiderte der alte Baum, „stand
ich mit vielen anderen Bäumen dicht beieinander, und wir
waren ein Wald. Alle strebten nach Licht und Sonne, und
einer hielt sich am andern, wenn das Unwetter kam mit
Blitz, Donner und Regen. Aber viele holte die Axt, oder
sie verkümmerten. Wenige nur wuchsen hoch hinaus.
-Und dann stand ich in einem Hain, weithin schattend in
Licht, Sonne und Regen. Da war keiner, an den ich mich
halten konnte, wenn die Blitze niederfuhren. Wir waren zu
weit voneinander entfernt, um einander zu helfen. Um mich
wurde es licht und lichter, und zuletzt stand ich allein,
immer allein im Kampf mit Sturm und Regen und auch immer
allein in Licht und Sonne."
„Also", sprach der junge Baum, „so ist
das. Zuerst steht man in einem Wald mit vielen zusammen,
dann in einem Hain, und es sind nur noch wenige um dich,
und oft sind die wenigen recht weit von dir, aber du
hast, was du ersehnst, Licht und Luft. Und zuletzt steht
man ganz allein mit allem, was man hat. Ich möchte nicht
alt werden."
Sagte der alte Baum: „Dann wirst du niemals wissen,
wie es ist, wenn man alt wird."
„Ist das der Mühe wert?" fragte der junge
Baum.
„Muss doch wohl sein", erwiderte der alte Baum,
„stünde ich sonst hier?"
Paul Bourfeind
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