Der Baum und das Bäumchen.

Stand ein alter, knorriger Baum ganz allein, und zu seinen Füßen strebte ein junger Baum zum Licht empor, ein Bäumchen.
Sprach der junge Baum zum alten Baum: „Sage mir, wie ist es, wenn man alt wird?"
Entgegnete der alte Baum: „Das kann dir niemand sagen. Werde alt, und du wirst es wissen."
knorriger Baum
„Aber du weißt doch, wie du alt wurdest", drängte der junge Baum.
„Zuerst", erwiderte der alte Baum, „stand ich mit vielen anderen Bäumen dicht beieinander, und wir waren ein Wald. Alle strebten nach Licht und Sonne, und einer hielt sich am andern, wenn das Unwetter kam mit Blitz, Donner und Regen. Aber viele holte die Axt, oder sie verkümmerten. Wenige nur wuchsen hoch hinaus.
-Und dann stand ich in einem Hain, weithin schattend in Licht, Sonne und Regen. Da war keiner, an den ich mich halten konnte, wenn die Blitze niederfuhren. Wir waren zu weit voneinander entfernt, um einander zu helfen. Um mich wurde es licht und lichter, und zuletzt stand ich allein, immer allein im Kampf mit Sturm und Regen und auch immer allein in Licht und Sonne."
„Also", sprach der junge Baum, „so ist das. Zuerst steht man in einem Wald mit vielen zusammen, dann in einem Hain, und es sind nur noch wenige um dich, und oft sind die wenigen recht weit von dir, aber du hast, was du ersehnst, Licht und Luft. Und zuletzt steht man ganz allein mit allem, was man hat. Ich möchte nicht alt werden."
Sagte der alte Baum: „Dann wirst du niemals wissen, wie es ist, wenn man alt wird."
„Ist das der Mühe wert?" fragte der junge Baum.
„Muss doch wohl sein", erwiderte der alte Baum, „stünde ich sonst hier?"

Paul Bourfeind

© 2007 Diakonisches Werk Marienberg zum Seitenanfang zum Seitenanfang